Die Deutschen und der Holocaust: Umfrage für ZDFinfo-Doku

Die Erinnerungskultur der Deutschen galt lange als vorbildlich, doch dieses Bild wandelt sich: Rechte Kräfte sind wieder auf dem Vormarsch und soziale Netzwerke wirken als Beschleuniger von Prozessen, in denen die Geschichte des Nationalsozialismus und der Vernichtung der Juden neu gedeutet wird. Wie verändert sich das Gedenken an den Holocaust? Tritt die Erinnerung in den Hintergrund? Die neue Dokumentation „Die Deutschen und der Holocaust – Schluss mit Schlussstrich?“ geht am Samstag, 5. Dezember 2020, 20.15 Uhr in ZDFinfo, diesen Fragen nach. Der Film von Felix Brumm steht ab Samstag, 5. Dezember 2020, 10.00 Uhr, in der ZDFmediathek zur Verfügung.

Eine exklusive Umfrage für diese ZDFinfo-Doku zeigt: Das Wissen der Deutschen über den Holocaust hat große Lücken. Zwar wissen 77 Prozent der Befragten, dass der Holocaust die Vernichtung der Juden meint. Doch knapp ein Viertel (23 Prozent) gibt eine falsche Antwort oder weiß nichts mit dem Begriff anzufangen. Jede vierte Person (26 Prozent) gesteht Wissenslücken dazu ein und gibt an, wenig oder nichts über den Holocaust zu wissen.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Ein Teil der Befragten möchte mit der Vergangenheit am liebsten abschließen. 28 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, die Deutschen sollten einen Schlussstrich unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ziehen. Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) gibt an, die meisten Deutschen damals hätten „nicht so viel“ bis keinerlei Schuld an der Vernichtung der Juden getragen. 81 Prozent der Befragten sagen, vom Holocaust hätten die meisten Deutschen nichts oder nichts Genaues gewusst.

Auf die Frage, ob bekannt sei, auf welches Ereignis der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar zurückgeht, nennen nur 20 Prozent der Befragten die Befreiung von Auschwitz, elf Prozent geben eine falsche Antwort und 69 Prozent geben an, den Grund nicht zu kennen.

Dass Antisemitismus auch im heutigen Deutschland ein Problem sei, glaubt nur eine Minderheit der Befragten. 78 Prozent der Befragten sind der Meinung, es gebe heute kaum bis keine Judenfeindlichkeit in Deutschland.

Die Dokumentation beleuchtet den aktuellen Stand der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit sowie den rechten Kräften der Gegenwart und sucht Antworten auf die Fragen: Wie gehen die Deutschen 75 Jahre nach Kriegsende mit der nationalsozialistischen Vergangenheit um? Wie stark sind die Kräfte, die einen Schlussstrich unter die Vergangenheitsbewältigung ziehen wollen? Die deutsche Polizei verzeichnete im vergangenen Jahr so viele antisemitische Delikte wie seit 2001 nicht mehr – wie groß ist die Gefahr von rechts? Und wie lässt sich das Wissen um den Holocaust den kommenden Generationen vermitteln?

Wie sich der Holocaust kommenden Generationen vermittelt lässt, erforscht in München ein Team von Wissenschaftlern um Anja Ballis. Das Team hat Überlebenden des Holocaust 1000 Fragen gestellt – aufgezeichnet mit moderner Technik als 3D-Projektionen. Für die ZDFinfo-Doku testen erstmals Schüler die neue Technik.

Die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für die ZDFinfo-Doku basiert auf 1029 Interviews, die vom 20. bis zum 22. Juli 2020 telefonisch in Deutschland durchgeführt wurden. Die Umfrage ist repräsentativ für die deutschen Wahlberechtigten.

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