Energie- und Dekarbonisierungsstrategie der EWP Werkstattverfahren mit Potsdamer Wissenschaftlern

Vertreter von sechs Potsdamer Wissenschaftseinrichtungen und Mitglieder des Potsdamer Klimarates äußerten sich im Rahmen eines Werkstattverfahrens bei einem Workshop per Videoschaltung zur „Energie- und Dekarbonisierungsstrategie 2050“ der Energie und Wasser Potsdam (EWP). Eingeladen hatten die EWP-Geschäftsführer Sophia Eltrop und Eckard Veil. Basis des Dialogs war die im vergangenen Jahr von der EWP vorgelegte Strategie. Der Workshop in der vergangenen Woche war Auftakt zu einer Reihe von Diskussionen mit Experten und lokalen Partnern für die Umsetzung der Strategie, die nun trotz Corona-Beschränkungen beginnt.

Wichtigste Säule der Dekarbonisierung sind Maßnahmen im Bereich der Fernwärmeversorgung, da hier die möglichen Beiträge zur Erreichung der Kohlendioxid-Vermeidungsziele am höchsten ausgeprägt sind. Weitere drei Säulen betreffen die Bereiche Stromerzeugung, Elektromobilität und Effizienzverbesserung. Alle Teilnehmer begrüßten das Werkstattverfahren und den ambitionierten Vorstoß der EWP, bis 2050 die Treibhausgasemission drastisch zu senken. Die Aufgliederung der Strategie in vier Säulen und die Priorisierung des Wärmesektors fand breite Unterstützung.

Prof. Dr. Bernhard Diekmann, Leiter der Forschungsstelle Potsdam des Alfred Wegener Instituts, Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), betonte, dass lokale Strategien wie die in Potsdam dringend nötig seien. Die aktuellen Forschungsergebnisse in der Arktis zeigten, dass der „extreme Klimawandel“ in vollem Gange sei.

Schwerpunkt der Diskussion war das Thema Wärmewende. Die Wissenschaftler gaben wichtige Detailhinweise und wiesen auf mögliche Anpassungen der strategischen Schwerpunkte im Laufe der nächsten drei Jahrzehnte hin.

  • Die Energiestrategie sieht vor, dass die EWP im Jahr 2050 ca. 44 Prozent Umweltwärme liefert, davon sollen fast 20 Prozent aus Tiefer Geothermie kommen. Dipl.-Geogr. Daniel Acksel, Departmentgeschäftsführer „Geosysteme“ am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ), hob die großen Chancen der Geothermie für die Wärmewende hervor. Sie verursache nur niedrige Treibhausgasemissionen, sei eine lokale, grundlastfähige Energiequelle und biete der EWP die Möglichkeit der heimischen Wertschöpfung. Dagegen stagniere der Anteil der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor seit Jahren bei ca. 14 Prozent. Acksel benannte seine Vision: „In Brandenburg betreibt im Jahr 2050 jeder kommunale Energieversorger mit (Fern-) Wärmenetzen auch eine Anlage für Tiefe Geothermie.“ Er forderte „Mut zum Bohren“. Ein Hemmnis sei allerdings die fehlende Möglichkeit zur wirtschaftlichen Absicherung von Bohrrisiken in Ostdeutschland. Für Potsdam sei jetzt entscheidend, dass als nächster Schritt exploriert werde, mittels Geophysik und Bohrungen.

  • Eine Stellschraube der EWP-Strategie ist der Wechsel von fossilem Erdgas hin zu grünen Gasen und Wasserstoff, der so genannte „Fuel Switch“. Dieser soll die Strategie dann unterstützen, wenn alle regionalen Möglichkeiten der EWP ausgeschöpft sind. 55 Prozent des Wärmeangebots der EWP soll danach 2050 mit solchen Brennstoffen erzeugt werden. PD Dr. habil. Andreas Meyer-Aurich vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB) machte deutlich, dass die Stärkung der Stadt-Land-Beziehung wichtig sei, da das Umland als verlässlicher Partner für die Lieferung von „grünem“ Gas gebraucht werde. „Hier sind Konfliktpotenziale absehbar (Windparks, Biogasanlagen), die frühzeitig und sensibel angegangen werden sollten.“, sagte er. Inwiefern ab 2040 schon 100% synthetisches „Erdgas“ aus Wasserstoff und Biomethan in hinreichenden Mengen zu akzeptablen Preisen zur Verfügung stehen wird, müsse sich noch zeigen. Lokale Biorohstoffe wie Holz böten darüber hinaus weiteres Potenzial.

  • Prof. Dr. Tobias Schröder, Vizepräsident für Forschung und Transfer der Fachhochschule Potsdam und Forschungsprofessor für „Nachhaltige urbane Entwicklungsstrategien“, nahm einen wichtigen Betrachtungswinkel jenseits technischer Lösungen ein. Er empfahl, bei der Wärmewende nicht nur die öffentlichen Wohnungsgesellschaften im Blick zu haben, sondern auch die privaten Akteure einzubinden, die 60 Prozent des Wärmebedarfes verkörpern. Er empfahl zudem, den Fokus neben der Technik stärker auf die Menschen zu legen, um durch verringerten Verbrauch Klimaeffekte zu erreichen.

  • Auch Prof. Dr. Johan Lilliestam, Forschungsgruppenleiter am Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (IASS) und Professor für Energiepolitik der Uni Potsdam, betonte die guten Ziele und Umsetzungsvorschläge. Er erweiterte zusätzlich den Fokus der Betrachtung. Er gab zu bedenken, dass der verringerte Wärmeverbrauch von zukünftigen Neubauten unterschätzt werde. Er plädierte außerdem für Nahwärmelösungen, die Nutzung von Wärmepumpen und empfahl der Stadt Potsdam eine Solardachpflicht. Lilliestam hob ebenfalls die Bedeutung von guten Beziehungen zum schwach besiedelten Umland hervor und schlug ein „Power-Purchase-Agreement“ mit regionalen Anbietern Erneuerbarer Energien vor, um beispielsweise mehr Windstrom einsetzen zu können. Derzeit kommt ein Großteil des grünen Stroms für Potsdam aus Wasserkraftwerken in Österreich.

  • Dr. Ingo Bräuer, Leiter Wissenschaftskoordination & Transfer am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), bezeichnete die Strategie als gut und sehr ambitioniert. Er forderte aber auch, neben den technischen Lösungen, das persönliche Verhalten der Menschen durch gut gesetzte Anreize zu steuern. Ferner weist er auf den im Klimapaket 2030 der Bundesregierung beschlossenen Anstieg der CO2-Zertifikatspreise. Diese werden in Zukunft deutliche Impulse auf die Rentabilität der unterschiedlichen technischen Optionen und das Konsumentenverhalten geben.

  • Dr. Sophie Haebel vom Potsdamer Klimarat unterstützte das Konzept ebenfalls. Sie äußerte die Überzeugung, dass vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Klimawandels „die Lernkurve bei allen Akteuren geht steil nach oben geht und Entwicklungen, die gestern noch als utopisch galten, Realität werden“. Beispiele seien in Potsdam jetzt schon bei der EWP vorhanden, so der Wärmespeicher am Heizkraftwerk und die Solarthermieanlage. Auch Haebel setzt Hoffnung auf die geplante Tiefe Geothermie. Mit Blick auf den Stand der Forschung sagte sie außerdem, für die Zukunft sei insbesondere im Bereich der Wasserstofftechnologien ganz besondere Dynamik zu erkennen.

  • Simon Jüngling, für „Fridays for Future“ im Potsdamer Klimarat, betonte die Bedeutung der vierten Säule in der EWP-Strategie. Die Verbraucher müssten zur Effizienzsteigerung stärker eingebunden werden und könnten sogar bei der Finanzierung lokaler Energieprojekte mitwirken. Er erachtet es als notwendig, bereits früher mehr Emissionen einzusparen als bisher vorgesehen.

EWP-Geschäftsführer Eckard Veil hob hervor, dass während der mehrere Jahrzehnte dauernden Umgestaltungsprozesse die Versorgungssicherheit immer gewährleistet sein müsse, so dass schrittweise vorgegangen werde. Neben den Energieerzeugungsanlagen müssen auch das Fernwärmenetz, die damit verbundenen Hausanschlüsse sowie die Installationsanlagen der Kunden angepasst werden. Die damit verbundenen Maßnahmen sind eine große technische und finanzielle Herausforderung für alle Beteiligten. Die EWP unterstütze ihre Kunden mit Daten und Empfehlungen.

Die Wissenschafts-Vertreter und Sophia Eltrop, Geschäftsführerin sowohl der EWP als auch der Stadtwerke Potsdam, waren sich einig, dass die Säule Mobilität im Rahmen der Strategie noch nicht ausreichend beleuchtet ist. Dabei leistete Potsdam mit dem Bekenntnis zu einem für eine Kommune dieser Größenordnung beachtlichen Straßenbahnnetz bereits einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz. Die Potsdamer Straßenbahn fahre bereits seit Jahren mit Ökostrom der EWP, und zwei Drittel der 35 Millionen Potsdamer ViP-Fahrgäste seien heute schon auf diese Weise sehr umweltfreundlich unterwegs. Unabhängig davon müssten Themen wie Elektromobilität, Wasserstoffantriebe und Sharing-Angebote weiter ausgearbeitet werden. Auch gasbetriebene Fahrzeuge sollten dabei nicht ausgeklammert werden.

Cordine Lippert, Leiterin der Koordinierungsstelle Klimaschutz der Landeshauptstadt, erinnerte daran, dass Potsdam mit der Fernwärme aus dem gasbetriebenen Heizkraftwerk, dem Wärmespeicher und der Solarthermie der EWP schon lange Vorreiter in Sachen Klimaschutz gewesen sei und lobte die Bereitschaft zur offenen Diskussion darüber. Es sei ein großer Vorteil der kommunalen Selbstverwaltung, mit über die Wege zum Klimaschutz zu entscheiden. Durch die Masterplan-Klimaschutz-Sonderförderung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) sei es möglich, dass Potsdam über derart weitreichende Klimakonzepte nachdenken könne. Es gelte, die Entscheidungsspielräume auszunutzen.

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