Gemeinsamer Aufruf der Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes und der Leiter der Feuerwehr Cottbus/Chóśebuz

Werte Cottbuserinnen und werte Cottbuser,
wir möchten mit diesem Aufruf den einen oder anderen von Ihnen wachrütteln
und auch etwas klarstellen!

Seit Wochen arbeiten Menschen dieser Stadt täglich daran, diese Kommune
und ihre Bürger möglichst gut und ohne weiteren Schaden durch die
COVID19 Pandemie zu bringen. Gemeinsam und unter Hinzuziehen von
weiteren Fachleuten wird täglich im Rahmen der Vorgaben der
Bundesregierung sowie der Eindämmungsverordnung des Landes
Brandenburg abgewogen, was das Beste für die Stadt Cottbus und deren
Bürger ist. Dabei müssen schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden,
die verständlicherweise nicht allen Bürgern der Stadt recht sein können. Aber
wie weit die Gesellschaft, die Bürger dieser Stadt auseinandergerückt sind,
welche Egoismen gerade jetzt in dieser problematischen Situation für viele
Menschen aus Cottbus wichtiger sind als das Gemeinwohl, zeigt sich gerade
in dieser schwierigen Zeit. Die wirklich schwierige Zeit für die Stadt und ihre
Menschen kommt aber erst noch!
Die Kontrolle über die Pandemie ist längst verloren gegangen, weil der
Egoismus vieler Mitmenschen wichtiger war, als das Wohl Aller.
Albert Bartlett (amerikanischer Physikprofessor) sagte einmal: „Das größte
Manko der menschlichen Rasse ist unsere Unfähigkeit, die
Exponentialfunktion zu verstehen.“
Wir aber erleben ein exponentielles Wachstum der Infektionszahlen in
unserer Stadt. Worum geht es in der Pandemie eigentlich? Das Virus
aufzuhalten, verschwinden zu lassen, ist ein Fernziel – im Moment geht es
darum, die exponentielle Ausbereitung des SARS-COV2 Virus zu
verlangsamen und einzudämmen. Das Ziel, dieses Virus unter Kontrolle zu
halten, wurde in der Stadt Cottbus und den meisten Regionen in Deutschland
deutlich verpasst.
Was ist das Problem?
Wir haben ein tolles Gesundheitssystem für den Einzelnen, für die eine
individuelle Erkrankung, egal wie schwer oder kompliziert diese auch ist, jeder
in Deutschland hat Zugang zur Hochleistungsmedizin des 21. Jahrhunderts. Darum werden wir in der ganzen Welt beneidet! Nur haben wir nicht den einzelnen Kranken, sondern
ein „exponentielles“ Aufkommen an Infizierten und damit erkrankten Mitmenschen, worauf unser auf
Effizienz getrimmtes Gesundheitssystem nicht vorbereitet ist!
Was bedeutet das?
Das Carl-Thiem-Klinikum hat regulär 24 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeiten für den
Herzinfarkt, den Verkehrsunfall und andere lebensbedrohliche Erkrankungen. Sind alle 24 Betten
belegt, ist die Klinik an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Aktuell wurden in den letzten zwei Wochen
12 dieser 24 Betten für COVID19 Patienten vorgesehen, seit 05.11.2020 sind so gut wie alle dieser
12 Betten mit COVID19 Patienten belegt. Das CTK erweitert nun diese Intensivtherapiemöglichkeiten
für COVID19 Patienten um die weiteren 12 vorhandenen Betten, in denen eben noch operierte oder
verunfallte Patienten lagen. Diese werden jetzt in einem anderen Bereich des Klinikums, in dem ITSBetten für Nicht-COVID19 Patienten geschaffen wurden, weiterbetreut.
Exponentielles Wachstum bedeutet aber, dass die neu geschaffenen Intensivbetten für COVID19
Patienten in den nächsten Tagen ebenfalls vollständig belegt sein könnten. Und dann? Sicherlich
gibt es Pläne, die Beatmungsmöglichkeiten auszubauen, aber auch diese Möglichkeit ist endlich!
Über eines muss sich dann der Cottbuser Bürger im Klaren sein, in diesem Moment bleibt vieles in
der normalen medizinischen Versorgung liegen! Ein grundsätzliches Problem, welches die
Möglichkeiten der medizinischen Versorgung begrenzt, ist neben der technischen Ausstattung vor
allem die begrenzte Zahl von Pflegekräften. Cottbus ist hier sicherlich kein Einzelfall, führende
Intensivmediziner des Landes haben schon vor Jahren auf dieses Pflegekräfteproblem hingewiesen
Auch der Rettungsdienst und die Regionalleitstelle sind hinsichtlich der personellen und der
materiellen Ausstattung limitiert, es kann auch unter Nutzung von Reserven zu einer Überlastung der
vorhandenen Strukturen kommen. Dies würde dazu führen, dass Hilfeersuchen der Bevölkerung
nicht mehr zeitgerecht bedient werden könnten – sowohl für COVID-Patienten als auch für alle
anderen Notfälle.
In allen genannten Bereichen würde dabei nicht nur die Auslastung durch ein erhöhtes
Patientenaufkommen steigen. Zusätzlich kommt es zu einem erheblich höherer Zeitaufwand durch
Hygienemaßnahmen bei der Behandlung der COVID-erkrankten Patienten und zu gravierenden
Problemen durch Personalausfall aufgrund von Krankheit und Quarantäne.
Wo wollen Sie dann eigentlich noch Ihre akute Erkrankung wie einen Herzinfarkt oder Verkehrsunfall
behandeln lassen?
Die Lage ist sehr ernst!
Wer immer noch nicht begriffen hat, worum es geht, wem Egoismen immer noch wichtiger sind als
das Wohl dieser Stadt und seiner Mitmenschen, dem sagen wir, schauen Sie nach rechts und links!
Ist derjenige neben Ihnen übergewichtig, hat eine leichte Grunderkrankung wie allergisches Asthma
oder Diabetes, ist älter als 55 Jahre? Ja? Warum soll dieser Mensch neben Ihnen in den nächsten
Wochen vielleicht sterben?
Warum sollte die ältere Dame von nebenan, 70 Jahre alt, die regelmäßig auf ihre Enkelkinder
aufpasst, ihren Haushalt und den Einkauf selbst erledigt in den nächsten Wochen sterben?
Warum soll der 40-jährige Krebspatient, der die letzten zwei Jahre den Kampf gegen seine Krankheit
gewonnen hat und im Augenblick tumorfrei ist mit guten Aussichten die nächsten 5 Jahre zu erleben,
warum soll er dieses Jahr sterben?
Was gibt Ihnen das Recht zu sagen, die Mitbürgerin oder der Mitbürger sind es nicht wert?
Wir können nur alle Mitmenschen unserer Stadt aufrufen, endlich aufzuwachen, Egoismen nach
hinten an zu stellen und Unwichtiges aufzuschieben! Bitte ziehen Sie endlich an einem Strang mit
denen, die täglich darum kämpfen die Strukturen, die sie zum täglichen Leben brauchen, am Leben
zu halten. Es ist ganz einfach – bitte beachten Sie die AHA+L-Regeln – jeder kann mit seinem
eigenen Handeln dazu beitragen, dass die Krankenhäuser und der Rettungsdienst nicht kollabieren.
Alle Cottbuserinnen und Cottbuser brauchen ein funktionierendes Gesundheitssystem, die COVID –
Patienten und alle anderen Erkrankten!
Die Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes in Cottbus  Die Leitung der Feuerwehr
Cottbus

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