Herbstliche Abkühlung bei solidem Wachstum – Konjunktur-Umfrage der IHK Potsdam

Herbstliche Abkühlung bei solidem Wachstum

 

– Herbst-Konjunktur-Umfrage der IHK Potsdam

– Weltpolitische Lage beeinträchtigt Stimmung

– Fachkräftemangel steigert Arbeitskosten und hindert Entwicklung

Potsdam, 28. Oktober 2019 – Die Wirtschaft in Westbrandenburg kann sich der allgemeinen konjunkturellen Abkühlung in Deutschland nicht entziehen und verliert ebenfalls an Schwung. Sowohl bei der aktuellen Geschäftslage, als auch bei den Erwartungen fallen die Einschätzungen bei den märkischen Unternehmen schlechter aus, als noch zu Jahresbeginn. Dadurch fällt der IHK-Geschäftsklimaindex (GKI)[1] mit 119,3 Punkten auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren und unter den zehnjährigen Durchschnittswert von 123,5 Punkten. Als Grund für den getrübten Ausblick wird unter anderem ein Nachfragerückgang von inländischen Großkunden genannt, der wiederum aus den weltpolitischen Handelsspannungen und dem Brexit-Chaos resultiert. Aber auch der Fachkräftemangel drückt zunehmend weiter auf die Konjunktur. Bei anhaltend hohem Wettbewerbsdruck steigen zum einen die Arbeitskosten, zum anderen fehlt das Personal, um expandieren zu können. Trotzdem stellt der aktuelle GKI weiterhin einen soliden Wert dar, der ein Wachstum in der westbrandenburgischen Wirtschaft signalisiert, auch wenn Sensibilität für die wirtschaftliche Entwicklung im Land Brandenburg angebracht ist.

Mario Tobias, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Potsdam, sagt: „Die Konjunktur in der Region kühlt weiter ab – erstmals seit dem Jahr 2013 überwiegen negative Erwartungen für das kommende Jahr. Die Gründe dafür sind Unsicherheiten im Weltmarkt sowie der Fachkräftemangel. Die Unternehmen brauchen deshalb jetzt dringend Wachstumsimpulse, wofür die Politik die Verantwortung trägt: Modernste Infrastrukturen, spürbarer Bürokratieabbau, auf kleine und mittlere Unternehmen zugeschnittene Förderinstrumente und schnelle Verwaltungen müssen von der neuen Landesregierung ambitioniert vorangetrieben werden. Das Land muss zudem dringend die administrativen Prozesse bei der gezielten Zuwanderung von Fachkräften und Auszubildenden vereinfachen.“ 

 

 

Wirtschaftliche Lage

Die wirtschaftliche Lage wird nicht mehr so positiv bewertet, wie noch in den Jahren 2017 und 2018. Insgesamt 51,8 Prozent der befragten Unternehmen berichten von einer guten Geschäftslage. Dies sind rund 8 Prozentpunkte weniger als zur Befragung vom Frühsommer. Aber auch die Zahl derer, die die Geschäftslage als schlecht einschätzen, ist um 1,2 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent zurückgegangen. Folglich ist ein großer Zuwachs in der Kategorie befriedigend zu verzeichnen. Die Entwicklung der Gewinnlage zeigt sich zweigeteilt. Zwar steigt die Zahl der Unternehmen mit besserer Gewinnlage zur Umfrage von Frühsommer um 2,1 Prozentpunkte auf nunmehr 28,8 Prozent leicht an. Allerdings fällt der Zuwachs bei den Unternehmen mit schlechterer Gewinnlage als 2018 mit 5,8 Prozentpunkten deutlich größer aus (27,5 Prozent).

Der Blick in die einzelnen Branchen zeigt, dass, wie in den vorigen Befragungszeiträumen, die Baubranche äußerst zufrieden mit der aktuellen Geschäftslage ist. Aber auch dort lässt sich ein gewisser Sättigungseffekt ablesen. Insgesamt 82 Prozent der befragten Bauunternehmen bewerten die Lage mit gut, 12,4 Prozentpunkte weniger als noch zu Jahresanfang. Besonders beunruhigend ist, dass 10,3 Prozent von einem Rückgang der Auftragseingänge berichten und 23 Prozent von einer abnehmenden Beschäftigtenzahl im kommenden Jahr ausgehen. Dies dürfte auch auf die aktuellen Diskussionen in der Berliner Landespolitik zum geplanten Mietendeckel zurückzuführen sein, der negative Auswirkungen auf den Wohnungsneubau haben wird.

Die Lage bei der Industrie hat sich stark eingetrübt. Nur noch rund 37 Prozent bewerten sie als gut (zuvor rund 56 Prozent), knapp 10 Prozent berichten von einer schlechten Geschäftslage. Das Dienstleistungsgewerbe entwickelt sich dahingegen relativ stabil; 54 Prozent sehen ihre aktuelle Situation gut und 5 Prozent berichten von schlechten Geschäften. Die Lage im Handel bleibt weiterhin überwiegend gut. Zwar ging die Zahl derer, die die Geschäftslage als gut sehen auf 47 Prozent zurück, im Frühsommer wurde dabei mit 57 Prozent jedoch ein Rekordwert in der IHK-Konjunkturumfrage erreicht.

 

Erwartungen

Nach einem kurzen Zwischenhoch in der Frühsommerumfrage setzt sich der Abwärtstrend bei den Erwartungen fort und ist inzwischen im Saldo im negativen Bereich angelangt, die negativen Geschäftserwartungen überwiegen also erstmalig seit 2013. Insgesamt 19 Prozent erwarten eine schlechtere Geschäftslage in den kommenden 12 Monaten. Dem stehen nur rund 17 Prozent entgegen, die eine bessere Geschäftslage prognostizieren. 64 Prozent rechnen entsprechend mit gleichbleibenden Geschäften. Dies spiegelt sich auch in den Umsatzerwartungen wider. Mit 28,5 Prozent der Befragten rechnen zwar deutlich mehr Unternehmen mit steigenden Umsätzen als mit sinkenden (17,3 Prozent). Allerdings sind dies inzwischen erheblich weniger als bei der letzten Umfrage, als noch 37,8 Prozent von steigenden und nur 10,9 Prozent von sinkenden Umsätzen ausgingen.

Bei den Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung wird von den hiesigen Unternehmen weiterhin der Fachkräftemangel am häufigsten genannt. Zunehmend können Aufträge aufgrund des Personalmangels nicht angenommen werden, was sich zu einem immer stärkeren Wachstumshemmnis entwickelt. Aber auch die Sorgen um eine nachlassende Inlandsnachfrage sind seit dem Tiefpunkt im Herbst 2018 kontinuierlich gestiegen.

Im Saldo ist die Bauwirtschaft weiterhin am optimistischsten in Bezug auf die Entwicklungen in den kommenden 12 Monaten. Zwar erwarten mit 18,3 Prozent der Unternehmen noch etwas mehr als zu Jahresbeginn eine bessere Geschäftslage in den nächsten 12 Monaten, aber mit 15 Prozent ist beim pessimistischen Ausblick ein erheblicher Anstieg zu verzeichnen. Dies ist maßgeblich auf die unsichere Lage auf dem benachbarten Berliner Wohnungsmarkt zurückzuführen. In der Industrie setzt sich der pessimistischere Ausblick der vergangenen Umfragen fort und ist mit minus 8,1 im Saldo inzwischen negativ. Insgesamt 14,4 Prozent erwarten eine bessere Geschäftslage, wohingegen mit 22,5 Prozent so viele wie seit 6 Jahren nicht mehr von einer schlechteren Entwicklung ausgehen. Auch bei den Dienstleistungsunternehmen hat sich der Ausblick deutlich eingetrübt, der Saldo liegt bei 0,4. Mit einer besseren Geschäftslage rechnen 16,9 Prozent, mit einer schlechteren nunmehr 16,5 Prozent der Befragten. Ein differenziertes Bild zeigt sich wieder im Handel. Unter den Händlern finden sich sowohl der höchste Anteil an Optimisten (19,6 Prozent) als auch Pessimisten (25,6 Prozent) wieder, wobei der Großhandel etwas pessimistischer ist als der Einzelhandel.

Export

Die Exportneigung der Industrieunternehmen hat sich in den vergangenen Monaten relativ stabil entwickelt: Insgesamt 56,2 Prozent der Befragten gaben an zu exportieren, ein über die Jahre durchschnittlicher Wert für die Wirtschaft in Westbrandenburg. Beim Exportvolumen sind die Angaben der Unternehmen zweigeteilt. Zwar berichten mit 23,1 Prozent wieder mehr Betriebe von steigenden Exporten in den vergangenen Monaten, mit 17 Prozent geben aber auch etwas mehr sinkende Exportzahlen an. Dahingegen sehen die Erwartungen im Außenhandel positiver aus als noch bei der Frühsommerumfrage: Die meisten Industrieunternehmen gehen von steigenden (21,3 Prozent) oder gleichbleibenden (68,8 Prozent) Exporten aus. Der Anteil der Skeptiker geht auf 9,9 Prozent zurück (zuvor 15,3).

Investitionsneigung

Die Investitionsbereitschaft im Kammerbezirk Potsdam ist konstant geblieben. Rund 80 Prozent der Unternehmen planen Investitionen in den kommenden 12 Monaten. Der größte Teil (50,6 Prozent) geht dabei von gleichhohen Investitionsausgaben aus. 38,5 Prozent der Befragten wollen ihre Investitionen sogar ausweiten. Für knapp drei Viertel ist der Ersatzbedarf weiterhin Hauptmotiv Nummer eins zum Investieren. Jeweils gut ein Drittel gibt Rationalisierung und Produktinnovation als Investitionsgrund an. Auffällig ist ein deutlicher Rückgang bei Investitionen in Kapazitätsausweitungen.

Der vergleichsweise verhaltene Ausblick in der Baubranche schlägt sich auch bei der Investitionsneigung nieder. Zwar planen noch immer drei Viertel der Unternehmen im Inland zu investieren, dies ist jedoch deutlich weniger als in vorherigen Umfragen. Zudem planen mit 40,9 Prozent deutlich weniger Baufirmen mit steigenden Investitionsausgaben. Die Investitionsbereitschaft in der Industrie bleibt dahingegen mit 87 Prozent auf einem hohen Niveau. Mit 40 Prozent geben viele Industrieunternehmen Produktinnovationen als Hauptmotiv für ihre Investitionen an. Der Handel liegt bei 82 Prozent Investitionsbereitschaft und das Dienstleistungsgewerbe bei 77,8 Prozent. Die drei Branchen (Industrie, Dienstleistung und Handel) rechnen unisono mehrheitlich mit steigenden oder gleichbleibenden Investitionsvolumen. Herausragend ist dabei die Industrie, wo 45,6 Prozent der Unternehmen steigende Investitionsausgaben in den kommenden 12 Monaten angeben. Die westbrandenburgische Wirtschaft wirkt also einem möglichen Abschwung entgegen.

 

Personalplanung / Personalgewinnung und -bindung

Die Einschätzungen der Unternehmen zu den Personalplänen zeigt, dass weiterhin Fachkräfte gebraucht werden. Zwar verdoppelt sich mit 14,6 Prozent die Anzahl der Unternehmen, die ihre Beschäftigtenzahl abbauen wollen, mit 22,5 Prozent wollen jedoch weiterhin deutlich mehr Firmen zusätzliches Personal einstellen. Allerdings stellt dies auch den geringsten Wert seit Herbst 2013 dar. Getragen wird der positive Saldo für die Gesamtwirtschaft jedoch insbesondere vom Dienstleistungsgewerbe, wo über ein Viertel der befragten Unternehmen einen Personalzuwachs erwarten. Der überwiegend zunehmende Personalbedarf im Handel ergibt sich maßgeblich aus dem Einzelhandel. In der Bauwirtschaft erwarten dagegen 23 Prozent der Unternehmen eine abnehmende Beschäftigtenzahl. Dies resultiert gleichermaßen aus den beschriebenen Unsicherheiten in der Branche. In der Industrie erwarten mit 18,5 Prozent ebenfalls deutlich mehr Unternehmen einen Stellenabbau als in der Sommerbefragung. Nur noch 13,4 Prozent prognostizieren eine zunehmende Beschäftigtenzahl.

Das Zusatzthema der Herbstumfrage drehte sich um Personalbindung und -gewinnung sowie Fachkräfte aus dem Ausland. Bei der Mitarbeiterbindung betrachten die Unternehmen mit 69,6 Prozent insbesondere die Steigerung der Arbeitgeberattraktivität (Bezahlung, Arbeitsplatzqualität) als wichtigste Maßnahme. Danach folgt bereits die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (40,3 Prozent). Auch hier ist auch die kommende Landesregierung gefordert, geeignete Rahmenbedingungen bereitzustellen.

Im Themenbereich internationaler Mitarbeiter geben 54,1 Prozent der märkischen Unternehmen an, bereits Mitarbeiter aus dem (EU-Ausland und Nicht-EU-)Ausland zu beschäftigen. Darüber hinaus gibt es ein großes Interesse, insbesondere aus dem EU-Ausland Mitarbeiter einzustellen. Größtes Hemmnis bei der Einstellung internationaler Mitarbeiter stellen dabei mangelnde Sprachkenntnisse und Qualifikationen dar. Als ausreichendes Sprachniveau wird dabei überwiegend (40,4 Prozent) ein B1-Niveau betrachtet, sodass eine klare Standardsprache verstanden wird.

Die Unternehmen im Kammerbezirk suchen in weit überwiegender Zahl Facharbeiter oder beruflich Qualifizierte. Dementsprechend wird das größte Unterstützungspotenzial beim Angebot von Sprachkursen gesehen (48,3 Prozent), gefolgt von der Unterstützung bei der Anerkennung von Qualifikationen (42,5 Prozent) und Weiterbildungsmaßnahmen für die internationalen Mitarbeiter (39,7 Prozent).

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