„ttt – titel thesen temperamente“ (MDR) am Sonntag, 11. Oktober 2020, um 23.35 Uhr

Protokolle einer Flucht
Sie waren Kinder und Teenager, und sie haben das Grauen erlebt. Nicht einmal, sondern mehrfach, auf der Flucht aus Afghanistan, Syrien, Irak, Kongo, Somalia, Eritrea oder Nigeria. Sie sind geflohen vor Krieg, Folter, Armut und Menschenhandel in ihren Herkunftsländern, doch was sie auf der Flucht erleben, war oft eine Fortsetzung von traumatischen Erlebnissen. Die Psychologie hat dafür einen Fachbegriff: „Risikoakkumulation“. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass solche Mehrfachtraumatisierungen zu einem Risiko für die Geflüchteten, aber auch für ihre Umwelt werden können. Zwei Jahre lang hat der Psychiater Martin Begemann die Erfahrungen dieser jungen Flüchtlinge akribisch genau protokolliert. Das Göttinger Max-Planck-Institut führte diese Befragungen in einem größeren Projekt durch, um herauszufinden, welche sogenannte Umweltfaktoren, also z.B. traumatische Erfahrungen, ein Leben aus der Bahn werfen können. Wann machen erlittene Traumata psychisch krank?
Begemann befragte die jungen Erwachsenen – viele davon unbegleitete Minderjährige – in Asylunterkünften und Erstaufnahmelagern. Das Ergebnis ist ein Warnsignal: 40% dieser jungen Menschen haben so viele Risikofaktoren akkumuliert, dass sie gefährdet sind, in den nächsten Jahren psychisch zu erkranken – wenn nichts unternommen wird. Die Wissenschaftler verstehen ihr Projekt auch als ein Zeichen an Gesellschaft und Politik, sich des Problems der weltweiten Fluchtbewegungen endlich wirklich anzunehmen.
Autorin: Brigitte Kleine
Die Stimme des Regenwaldes – Die wahre Geschichte von Bruno Manser
Bruno Manser, ein junger Schweizer, dringt 1984 allein in den malaysischen Urwald vor. Dort begegnet er im Dickicht dem bislang abgeschottet lebenden Penan-Volk. Er beginnt mit diesem Volk zu leben, aber dessen Abgeschiedenheit ist bedroht: von der Tropenholz-Industrie. Als die Konfrontation unausweichlich wird, führt Manser es zum Kampf gegen die Abholzung der Urwälder. Das Schicksal von Bruno Manser hat nun sein Landsmann Niklaus Hilber im Spielfilm „Die Stimme des Regenwalds“ mitreißend verfilmt – mit vielen Laien-Darstellern und in der echten Penan-Sprache. Im Interview erzählt der Regisseur in Zürich über das schwierige Casting und die anschließenden kraftraubenden Dreharbeiten im Regenwald. Die Hauptrolle im Film spielt der Schweizer Schauspieler Sven Schelker und dies so authentisch, dass viele der Ureinwohner glaubten, in ihm Bruno Manser wiederzuerkennen. Der Umweltaktivist verschwand im Jahr 2000 unter mysteriösen Umständen im Dschungel.
Autor: Norbert Kron
Die lange Geschichte der »Wende«
Das Datum steht fest im Geschichtskalender der Deutschen: der 3. Oktober 1990, der Tag der deutschen Wiedervereinigung, knapp ein Jahr nach dem Mauerfall und der sogenannten „Wende“ in der DDR. Doch diese „Friedliche Revolution“ ist für Historiker mitnichten die Stunde Null der Wiedervereinigungsgeschichte.
Ein Team von jungen Historikern arbeitet seit fünf Jahren an der „Langen Geschichte der Wende“ und blickt dabei nicht nur in die Transformationsprozesse nach diesem radikalen Systemwechsel, sondern bezieht auch die Zeit weit vor dem Mauerfall mit ein. Das Team betrachtete sozialwissenschaftliche Untersuchungen und Langzeitstudien der 80er und 90er erneut, vertiefte sich in Akten und führte Interviews mit Zeitzeugen – um die Ergebnisse auf einer Dialogreise durch den Osten erneut zu diskutieren. Ein Journalist und eine Fotografin haben ihre Arbeit begleitet und kommentiert.
Die Forscher stellten fest, dass die Einstellungen der Menschen in der DDR zu Bildung, Leistung und Besitz trotz eines anderen Systems sich nicht wesentlich von den westdeutschen Einstellungen unterschieden. Das Team versucht die Umbrüche und Transformationen nicht so einfach, sondern so vielschichtig wie möglich zu erzählen. Ihre Zwischenergebnisse sind in „Die lange Gesichte der Wende“ nun erschienen.
„ttt“ begleitet die Forscher auf ihrer Reise von Kleinmachnow nach Meiningen, wo sie einen Lehrer treffen, dem die Teilnahme an der Studie einen neuen Blick auf seine eigene Geschichte ermöglicht hat.
Autor: Dennis Wagner
Max Uhligs Arbeiten in der wiederaufgebauten Magdeburger Johanniskirche
Eines der Wahrzeichen des zweimal zerstörten Magdeburg ist die Johanneskirche. Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, blieb sie lange Ruine, erst im Oktober 1999 war der Wiederaufbau abgeschlossen. In den letzten Jahren wurde sie als Kultur- und Kongresshalle genutzt. Jetzt hat der Dresdner Künstler Max Uhlig eine Reihe von raumhohen Kirchenfenstern geschaffen, die einerseits an die Brandkatastrophe erinnern und andererseits die Wiederauferstehung in einem wunderbaren Farbklang feiern. Seit 2014 hat Max Uhlig an den Fenstern gearbeitet, wir haben diese Arbeit begleitet und dürfen nun einen Blick auf das Ergebnis dieses langen Prozesses werfen.
Autor: Meinhard Michael
Im Internet unter www.DasErste.de/ttt
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