Potsdam gedenkt Max Dortu

Mike Schubert: „Die Erinnerung an Max Dortu ist für uns alle höchst bedeutsam. Auch für unsere städtische Identität“

Anlässlich seines 172. Todestages haben am Samstag, 31. Juli, Oberbürgermeister Mike Schubert, Dr. Jörg Kwapis vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V. und Johanna Heinecke vom „Friedhof der Märzgefallenen“ Berlin gemeinsam mit zahlreichen Gästen an Maximilian Dortu erinnert. „Er gehörte zu den bürgerlichen Vertretern der 1848er Revolution, die mit großem Einsatz für ihre Ideale gekämpft haben und bürgerliche Grundwerte wie Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit erwirken wollten. Er ging buchstäblich auf die Barrikaden, um das zu erstreiten, was heute die Grundlage unserer demokratischen Ordnung umfasst. Die Erinnerung an Max Dortu ist für uns alle höchst bedeutsam. Auch für unsere städtische Identität“, sagte Mike Schubert.

Am 31. Juli 1849 wurde der Potsdamer Revolutionär Max Dortu standrechtlich erschossen. Der in Potsdam geborene Max Dortu gehört zu den populärsten Freiheitskämpfern der Revolution von 1848/49. In Potsdam erinnert die Dortustraße an die Familie des Freiheitskämpfers und die Grundschule „Max Dortu“ an den Revolutionär. Der Max-Dortu-Preis für Zivilcourage und gelebte Demokratie ist ebenso dem Potsdamer Revolutionär verpflichtet. Die nächste Verleihung des Max-Dortu-Preises ist für den 31. Juli 2022 geplant. Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger der mit 5000 Euro dotierten Würdigung sind Christian Ströbele (2017) sowie die Besatzung des Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ (2019).

In seiner Gedenkrede vor dem Geburtshaus Max Dortus in der Dortustraße sagte Schubert: „Am heutigen Gedenktag möchte ich dazu ermutigen, dass wir uns gemeinsam der verzahnten, oft widersprüchlichen Geschichte mit ihren Protagonist:innen zuwenden und uns kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. So kann es gelingen, Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen, die uns weiter befähigen, als Demokrat:innen die Freiheit zu verteidigen und den permanenten Diskurs zu wagen.“ Er bezeichnete den Stadtraum der Plantage mit dem Haus der Familie Dortu, der Garnisonkirche, dem Rechenzentrum und dem Glockenspiel als „zeithistorisch spannenden Ort“.

Rede Mike Schubert zum Gedenken an Max Dortu

 

 

Sehr geehrter Herr Dr. Kwapis,

sehr geehrter Herr Boede,

sehr geehrte Frau Heinecke,

sehr geehrte Stadtverordnete,

sehr verehrte Damen und Herren,

heute vor 172 Jahren wurde Max Dortu auf dem Friedhof in Wiehre bei Freiburg standrechtlich erschossen. Er gehörte zu den bürgerlichen Vertretern der 1848er Revolution, die mit großem Einsatz für ihre Ideale gekämpft haben und bürgerliche Grundwerte wie Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit erwirken wollten. Er ging buchstäblich auf die Barrikaden, um das zu erstreiten, was heute die Grundlage unserer demokratischen Ordnung umfasst. Die Erinnerung an Max Dortu ist für uns alle höchst bedeutsam. Auch für unsere städtische Identität.

Als Potsdamer zog Max Dortu in die Welt, um für Freiheit und Gleichheit zu kämpfen und die Welt zu verändern. Die Revolution von 1848/49 wurde zum Schicksalsjahr der europäischen Geschichte. Sie war, obwohl gescheitert, die Geburtsstunde der deutschen Demokratie. Der Grundrechtskatalog von 1849 – nämlich das Verfassungswerk des Frankfurter Parlaments – stellt bis heute einen zentralen Bestandteil unseres Grundgesetzes dar.

Daran zu erinnern, und daran, dass einzelne Männer und Frauen den Aufbruch zur Freiheit wagten und dafür auch ihr Leben ließen – muss für uns Nachgeborene ein selbstverständlicher Auftrag sein.

Meine Damen und Herren,

Sie wissen, dass mir, wenn ich von Max Dortu spreche, stets ein größerer städtischer Zusammenhang wichtig ist. Das Haus der Familie Dortu ist nur wenige Schritte von der Plantage entfernt, rahmt diese wenn Sie so wollen von der einen Seite. Und dies meine ich in Bezug auf die Familie Dortu durchaus nicht nur stadträumlich sondern auch lebensräumlich. Die andere Seite dieses Rahmens bildet wenn man so will die Garnisonkirche. Und auch dies gilt nicht nur für die Plantage sondern auch für die Familie Dortu.

Für das heutige Gedenken habe ich mir heraussuchen lassen, wo Max Dortu eigentlich getauft wurde. Die Familie Dortu, zwar hugenottischer Herkunft, gehörte der Zivilgemeinde der Garnisonkirche an. Die Eltern von Max ließen sich am 8. Oktober 1825 in der Garnisonkirche vermählen. Ihr Sohn wurde am 13. August 1826 in der Garnisonkirche getauft. Für die liberal eingestellten Dortus wird die Garnisonkirche also ein integraler Bestandteil ihres Lebens gewesen sein. Mit den Werten, die mit dem Bau der Garnisonkirche symbolträchtig verbunden waren, haderten die Dortus jedoch zunehmend. Und verzweifelten schließlich daran.

Vater Ludwig Wilhelm Dortu brachte als Potsdamer Stadtverordneter vergeblich seine politische Agenda ein, die eine konstitutionelle Monarchie vorsah. Nach der Hinrichtung des Sohnes verließen die Eltern enttäuscht das Land und gingen nach Frankreich.

Zeithistorisch gibt es wohl kaum einen spannenderen Ort als die Plantage – an diesem Ort kumulieren, wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland, verschiedene Epochen unserer Geschichte. Aber genau diese Spannungen können zu fruchtbringenden Auseinandersetzungen oder zur destruktiven Konfrontation führen. Ich selber sehe diese Spannungsfelder. Mir geht es nicht darum, Gegensätze zu verleugnen und zu nivellieren. Mir geht es darum, verschiedene historische Kristallisationspunkte in der Stadt zusammenzudenken, damit wir in einen Dialog über die Vergangenheit und Gegenwart treten können. Mir geht es darum, die vorhandenen Spannungsfelder klar auszumachen, zu benennen und diese auf Augenhöhe demokratisch zu verhandeln.

Derzeit befinden wir uns mitten in einem Aushandlungsprozess zur perspektivischen Entwicklung der Plantage mit dem Garnisonkirchenturm und dem Rechenzentrum. Das Haus der Familie Dortu, der ehemalige lange Stall aber auch das Große Militärwaisenhaus und das Glockenspiel flankieren diesen Stadtraum. In diesem Prozess konnten wir einen Rahmen schaffen, in dem gemeinsam an Lösungen für die zum Teil sehr unterschiedlichen Interessen gerungen wurde und wird.

Was sich zunehmend zeigt, ist, dass Beharren auf Gegensätze und gegenseitiges Abgrenzen kein Fundament für eine aktive Auseinandersetzung mit Demokratie an diesem Ort ergeben. Auch sind sie der historischen Auseinandersetzung nicht dienlich. Und natürlich kann man heute an diesem Ort nicht Gedenken, OHNE auf die jüngste Entscheidung der Landesdenkmalpflege zu blicken.

In dieser Woche wurde der Nachbau des Glockenspiels unter Denkmalschutz gestellt. Über das Glockenspiel, dass wissen wir, wurde in Potsdam mindestens genauso intensiv und emotional diskutiert wie über den Wiederaufbau des Kirchturms selbst. In der Begründung des Landes heißt es: „Das Glockenspiel dokumentiert als Zeithistorisches Zeugnis die Vor- und Nachwendezeit um 1989 die gesellschaftlichen Debatten in Potsdam und von rechtskonservativen Kreisen in Westdeutschland. Seine Existenz muss dazu beitragen, am Original diese jüngste Geschichte auch weiterhin aufzuarbeiten. In diesem Sinne wird aus denkmalpflegerischer Sicht eine Kontextualisierung, die je nach Forschungsstand fortgeschrieben werden sollte, empfohlen.“ Zitat Ende.

Erlauben Sie mir dazu ein oder zwei Überlegungen:

Ist das Glockenspiel tatsächlich das einzige zeithistorische Zeugnis, dass an der Plantage für die gesellschaftlichen Debatten in Potsdam in der Vor- und Nachwendezeit um 1989 spricht? Und ist der Nachbau des Geläuts aus dem Kirchturm tatsächlich das einzige Original dieser jüngeren Geschichte an der Plantage, das erhaltenswert ist

und

an dem eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Debatten der Vor- und Nachwendezeit geführt wird?

Muss nicht nach dieser Entscheidung, auch um die gesellschaftliche Debatte um Abriss, Überbauung und teilweisen Wiederaufbau und auch um die zeithistorische Einordnung tatsächlich erlebbar und vor allem sichtbar zu machen, ein Erhalt und eine Kontextualisierung für alle bestehenden Gebäude an der Plantage und damit für den Ort an sich geprüft werden?

Entsteht die gesellschaftliche Debatte über die geschichtliche Bedeutung, wie Sie die Landesdenkmalpflege sieht, tatsächlich durch eine solitäre Betrachtung des Glockenspiels, oder eher durch das Spannungsverhältnis von Garnisonkirchturm, Glockenspiel, Geburtshauses von Max Dortu und Rechenzentrum?

Ich gebe der Denkmalpflege in einem Punkt Recht: Hier spiegelt sich, ich zitiere „eine intensive, 30-jährige gesellschaftliche Debatte in der Stadt Potsdam wieder.“ Aber wenn es um die Darstellung der Debatte geht, warum wird dann das Mosaik von Fritz Eisel, nicht aber das RZ geschützt? Streiten wir in Potsdam über den Erhalt des Mosaiks oder des RZ seit Jahren intensiv?

Eigentlich geht der Streit nicht um einzelne Gebäude. wer die Debatte in Potsdam verstehen will, der muss Sie im Kontext betrachten und für die Nachwelt erhalten. Es gilt also die gesamte Plantage und ihre Bebauung im Auge zu behalten?

Ich denke es ist mehr als lohnenswert, die Auseinandersetzung nicht mehr mit einem solitären Blick auf Bauwerke oder sogar nur Teilen von Bauwerken zu führen, sondern deren Erhalt an der Plantage endlich im Kontext zu sehen. Sonst droht der gesellschaftliche Diskurs immer wieder einseitig und konfrontativ zu werden. Wir werden in den kommenden Wochen die Möglichkeit dazu haben, uns in der öffentlichen Debatte der zeithistorischen Bedeutung der Plantage in der Gesamtheit anzunehmen.

Meine Damen und Herren,

am heutigen Gedenktag möchte ich dazu ermutigen, dass wir uns gemeinsam der verzahnten, oft widersprüchlichen Geschichte mit ihren Protagonist:innen zuwenden und uns kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. So kann es gelingen, Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen, die uns weiter befähigen, als Demokrat:innen die Freiheit zu verteidigen und den permanenten Diskurs zu wagen.

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